Bericht zur Halbtageswanderung am 19.10.2025 auf dem Ernst-Jüngerweg in Wilflingen mit Museumsbesuch

Am Sonntag, dem 19.10.2025 machten wir uns mit 10 Personen um 13:30 Uhr auf den Weg an den entferntesten Zipfel des Landkreises nach Wilflingen über das Sattenbeurer Kreuz – Kanzach – Dürmentingen – Ertingen – Binzwangen – Andelfingen – Langenenslingen. Nach der Ankunft am Ernst-Jünger-Haus berichtete Wanderführer Bruno Albinger zuerst über das Leben des Schriftstellers, Philosophen, Offiziers und Insektenkundlers Ernst Jünger, der fast 50 Jahre auf Einladung des Freiherrn Franz von Stauffenberg im Stauffenberg’schen Forsthaus in Wilflingen lebte. Er wurde am 29.03.1895 in Heidelberg als ältestes von sieben Kindern geboren. Er heiratete 1925 in Leipzig Gretha von Jeinsen. Er hatte zwei Söhne. Seine Ehefrau starb 1960 und er heiratete 1962 die promovierte Germanistin Dr. Lieselotte Lohrer. Er starb am 17.02.1988 im Alter von 102 Jahren und ist mit der Familie in Wilflingen bestattet.
Wir besuchten zuerst das Museum, in dem seine Wohn- und Arbeitsräume samt Bibliothek und Käfersammlung im Originalzustand zu besichtigen sind. Die Räume und Ausstellungsstücke waren umfangreich beschriftete und damit erläutert. Im Erdgeschoß waren seine Empfangs- und Arbeitsräume samt Küche untergebracht, während im Obergeschoß die Wohnräume untergebracht waren. Er hatte dort sehr karg gelebt. Im Bad steht noch seine große Badewanne, in der er täglich als Erstes im eiskalten Wasser gebadet hat. Danke noch an die Vereinskasse, die den Eintritt übernommen hat.

Anschließend machten wir uns auf seinen kleinen Rundgang, den er den ‚Damenweg‘ bezeichnete, weil er in einer Stunde zu bewältigen war. Er selbst bevorzugte täglich nachmittags seinen „Waldgang“, bei dem er zwei Stunden unterwegs war.
„Sie sehen, dass ich es vorziehe, eher in einem Dorf als in einer Großstadt zu wohnen. Ich habe Erfahrungen gemacht: Ich habe in Berlin und Paris gelebt, 2 Hauptstädte von unvergänglichem Zauber: Um aber Ruhe und die für die geistige Tätigkeit nötige Konzentration zu haben, ist das natürliche Umfeld des Landes günstiger. Ich lebe deshalb seit fast einem halben Jahrhundert in Wilflingen und fühle, dass meine Wurzeln hier sind.“

„Das Dorf hat mir sogleich gefallen. Seine Lage inmitten der weit gebreiteten, fruchtbaren Felder, Obstgärten und Wiesen, die Freundlichkeit der Bewohner, die damals sämtlich noch Bauern waren, behagte mir sehr. Viele Reisen haben die geruhsamen Tage unterbrochen, während deren ich hier gelebt und geschafft habe. Neben der guten Nachbarschaft hat mich während dieser Jahre besonders die Nähe der großen Wälder erfreut, die ich oft und nach jeder Richtung hin durchstreift habe.“
Gegenüber dem Forsthaus steht das Schloss Wilflingen. Die Burganlage befindet sich seit 1450 im Besitz der Schenken von Stauffenberg und ist der älteste Familienbesitz der ehemals reichsritterschaftlichen Familie. Der Konstanzer und Augsburger Fürstbischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg ließ in den Jahren 1710 – 1740 das Schloss, die Kirche, die Gastwirtschaft „Zum Löwen“ und den Eisighof erbauen. Das Schloss wird von der Familie bewohnt und ist der Öffentlichkeit in eingeschränktem Maße zugänglich.
Im Jahre 1727 veranlasste der Fürstbischof die Errichtung des barocken Forsthauses, das ursprünglich den Vögten der Freiherren Schenk von Stauffenberg, später ihren Oberförstern als Amts- und Wohnsitz gedient hat. Der Garten wurde 1900, nach dem Vorbild der Klostergärten, so gestaltet, wie er sich heute noch darbietet. Über der Eingangstür der Oberförsterei ist das Wappen der Schenken von Stauffenberg angebracht.

Wir verlassen langsam den Ort und kommen zur Ernst-Jünger-Allee. Zur Erinnerung an den großen Schriftsteller und Wilflinger Ehrenbürger Ernst Jünger, hat der Gemeinderat von Langenenslingen, mit Zustimmung des Ortschaftsrates Wilflingen am 25. Januar 1999 beschlossen, den Bihlafinger Weg und den Bergweg, anlässlich des 104. Geburtstages von Jünger, in Ernst-Jünger-Allee umzubenennen.
Hier beginnt Jüngers bevorzugter Spazierweg, den er Waldgang nannte. Diesen nutzte er fast täglich um stundenlang in die Wälder einzutauchen und die Natur um Wilflingen zu erkunden. Auch Gäste und Freunde begleiteten ihn gerne auf diesen Wegen. Dieser Weg führt, ausgehend vom Gasthaus „Zum Löwen“ durch die ihm zu Ehren gepflanzte Lindenallee hinaus in Wilflinger Wald und Flur.

„Ich habe die alten Bäume fallen gesehen und wandere jetzt im Schatten der neuen, die auch schon eine stattliche Höhe erreicht haben. Ich sehe im Wald ein Vorbild nicht nur der erhaltenen, sondern auch der mehrenden Kraft. Wir zehren noch heute von der Wärme einer Sonne, die vor Millionen von Jahren die Wälder beschienen hat. Wenn der Wald leidet, teilt er uns mit, dass wir mehr konsumieren, als die Natur es erlaubt, die wir geerbt haben. Darüber darf uns die Perfektion der Technik nicht hinwegtäuschen. Es ist zu begrüßen, dass die Bedrohung begriffen wird. So dürfen wir hoffen, dass der gesunde Sinn nicht verloren gegangen ist und dass er den rechten Weg findet. Wenigstens hier in Wilflingen durfte ich erfahren, dass der Ort von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sowohl in der Substanz wie in der Erscheinung gewonnen hat. Möge es verjüngt und mit wachsender Kraft in das 3. Jahrtausend eingehen.“
Wir wandern weiter aus dem Ort durch die Linden-Allee, an einem Hühnerhof vorbei und sehen rings um Streuobstwiesen mit zum Teil noch voll behängten Bäumen. Hier werden noch Streuobstwiesen bewirtschaftet, weil es hier am Albaufstieg klimatisch im Frühjahr keine Frost- und im Sommer keine Hagelschäden gebe. Den Halt nannte Jünger den Steinbruch.

„Es war sonnig, aber auch kalt; der Schnee knirschte unter meinem Fuße. Ich ging zum kleinen Steinbruch am Schinderbühl, um nach Bienen zu sehen. Selbst bei erheblicher Kälte sieht man einige davon ausfliegen. Das hat noch nichts mit dem „Vorspiel“ zu tun: dem festlichen Reinigungsflug, zu dem im März und April die Sonne das Volk aus dem Winterquartier lockt.“

Wenige Meter von hier befindet sich ein ehemaliger Steinbruch, ein Korallenriff der Jurazeit. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts wurde dort Stein gebrochen, nun dient die so entstandene Mulde als Abstellplatz. Jünger suchte diesen Ort fast täglich auf um dort Käfer und anderes Getier zu beobachten.

„Die Natur ist etwas, was mir immer viel bedeutet hat. Man hält mich im Allgemeinen für einen Schriftsteller und betrachtet meine entomologischen Interessen als ein Extravaganz. Es handelt sich aber im Gegenteil um 2 gleichermaßen einnehmende Passionen, die ich nicht trenne. Die Beobachtung des Lebens der Natur, vom Kleinsten bis zum Größten, ist ein unvergleichliches Schauspiel, eine Beschäftigung, die mir Heiterkeit schenkt. Ich habe eine Leidenschaft für Käfer, aber ich liebe auch die Pflanzen. Man kann im Übrigen die Welt der Insekten wie die Welt der Menschen, die Gesellschaft studieren. Die Insekten, die Bienen oder die Ameisen haben ein ihnen eigentümliches, sehr organisiertes und interessant zu beobachtendes soziales Wesen. Die Käfer schätze ich wegen der Klarheit ihrer Linien und ihrer Form. Sie sind eine Art Schmuck der Erde. Ihre Schönheit erschließt sich nicht sofort, sie blendet nicht, wie jene der Schmetterlinge. Dafür erregt sie eine Leidenschaft, die die Zeiten überdauert.
„Zwischen 3 und 5 Uhr am Nachmittag ist die Zeit für solche Gänge, manchmal dauern sie auch länger. Jünger liebt es, für einen solchen Gang ein bestimmtes Ziel zu haben. Heute soll auf Käferjagd gegangen werden. Zur Käfersuche braucht es Handwerkszeug. Das einfachste Stück darunter ist ein Stock. Mit ihm werden nicht nur Kuhfladen umgedreht, worin sich oft die farbenprächtigsten Käfer finden, er dient auch dazu Büsche abzuklopfen, unter die ein ausgespannter alter Regenschirm gehalten wird. Und alles was gefangen wird, wandert in ein kleines mit Äther gefülltes Fläschchen, um dort sehr schnell auszuzappeln.“

Der nächste Halt gibt uns einen Blick zum Bussen.

Hier befindet sich einer der schönsten Aussichtsplätze um Wilflingen, mit dem wunderschönen Weitblick bis zum Bussen, dem heiligen Berg Oberschwabens. Davor der Eichberg bei Langenenslingen. Den Hügel krönt die Kapelle einer Schutzmantel-Madonna, ein massiver Steinbau der in Erfüllung von Gelübden, nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden ist.

„Seit Tagen liegt Schnee bei mäßigem Frost. Die Bauern haben die Obstbäume ausgeputzt. Ich nahm einen Pflaumenzweig mit und stellte ihn in einen Krug. Nun trägt er weiße Blüten am kahlen Holz. Reichtum in sparsamster Darstellung.“

Wir erreichen den Billafinger Weg und gehen wieder Richtung Ortschaft und halten an der Ernst-Jünger-Linde.

„Der 83. Geburtstag liegt hinter mir. Er wurde in der Stuttgarter Solitude und im Wilflinger Schützenhaus begangen; der Bundespräsident lud mich mit Freunden und Verwandten auf den 11. April nach Bonn zu einer Nachfeier.“

Zum 85. Geburtstag von Ernst Jünger wurde 1980 diese Linde, vom damaligen Landrat Dr. Steuer und dem damaligen Bürgermeister Gebele, gepflanzt. Sie ist ein Zeichen dafür, wie stolz der Landkreis Biberach und die Gemeinde auf seine Mitbürger und Schriftsteller Ernst Jünger ist.

„Fünfundachtzig Jahre sind auch nicht mehr als eine Opiumnacht, deren manche mir länger erschien. Dieser Geburtstag kam mir eher wie der eines Generals, als wie der eines Autors vor. Ständchen der Bundes- Zapfenstreich der Bürgerwehr, Pflanzung einer Dorflinde, ein neuer Orden, Körbe voller Briefe. Und dann die Wilflinger Bauern, so herzlich, obwohl mancher nie eine Zeile von mir gelesen hat. Ich sollte mich ihnen mehr zuwenden und will auf einen stärkeren Jupiter hoffen, falls es noch weiter geht.“

Ein paar Schritte entfernt ist der Wilflinger Friedhof. Hier ist die letzte Ruhestätte der Familie Jünger. Ernst Jünger ist im Kreis seiner beiden Söhne und seiner zwei Ehefrauen hier beerdigt.

„Selbstverständlich denke ich oft an den Tod, und ich stelle ihn mir in einer positiven Art vor: Nicht als Ursache, dass das Leben aufhört, sondern als den Augenblick, wo das Leben in eine andere Form übergeht. Ich denke an jeden meiner Toten, als wären sie noch am Leben, und an die Lebenden, als ob sie der Tod schon von mir trennte. Nur ist das Leben nach dem Tode wie ein unerforschter Kontinent. Die ihn erreicht haben, sind niemals zurückgekehrt, um uns zu berichten, was auf uns wartet. Ich möchte denken, dass uns nach dem Tod noch viele andere Abenteuer erwarten.“
Hier ist die letzte Ruhestätte der Familie Jünger. Ernst Jünger ist im Kreis seiner beiden Söhne und seiner zwei Ehefrauen.

„Hinter dem Bangen der Völker, ob die Sonne wiederkehren möge, verbirgt sich ein Wissen: einmal erlischt sie für jeden, und ein ewiger Winter bricht an. Wenn wir die Hand des Toten berühren, fasst uns ein Schauder, von dem jede denkbare Kälte nur eine Andeutung gibt, und uns streift ein Dunkel, dagegen auch die schwärzeste Nacht nur wie ein Schatten erscheint. Wo sind sie geblieben, die mit uns die Tage geteilt haben? Wir rufen vergebens; sie hören uns nicht. Sie wiederzusehen, das ist die große, die einzige Hoffnung, die niemals erlischt.“

Zur letzten Stele wandern wir an Obstgärten entlang zum schön angelegten Dorfweiher, der von den Albhängen mit Wasser versorgt wird.

Andächtig in die Natur versunken begegnet man hier dem Dichter und Denker. Dieses Denkmal aus Bronze wurde von dem Künstler Gerold Jäggle aus Ertingen geschaffen. Fast ein Jahr lang arbeitete er daran. Im Sommer 1988 saß Jünger im Garten als Modell und Jäggle formte damals das Jünger-Portrait in Ton.
Im März 2006 wurde hier am Weiher diese lebensgroße Bronzeskulptur vom Jünger-Freundeskreis, der sich heute Ernst und Friedrich Georg Jünger Gesellschaft e.V. nennt, mit einem würdevollen Festakt enthüllt und zeigt Jünger bei der Käferjagd. In den letzten Lebensjahren ging Jünger nicht mehr in den Wald, aber er verbrachte noch viele Stunden hier am Weiher.

„Abgesehen davon, dass die Farbe ihm weniger bedeutet als dem Maler, hat auch der Bildhauer seine „Palette“ – er kann die Realität nach Belieben hervorheben oder abschwächen. Sie kann nebensächlich sein – vom Knopf an einem Gewande genügt eine Andeutung. Andererseits kann auf der Faltenwurf, nicht nur aus dekorativen Absichten, große Sorgfalt verwandt werden. Die Bewegung wird eingefangen, wird gebannt – sowohl die des Körpers als auch jene, die ihm und dem Stoff gemeinsam ist.“
Das Tagebuch ist für mich vorzuziehen, da es alles zu registrieren und spontan zu erzählen erlaubt, so wie es kommt. Es gestattet die Aufzeichnung jeder Intuition, in größter Freiheit, ohne Hindernisse und ohne durch die Form behindert zu werden. Das Tagebuch erlaubt größere Freiheiten. Für mich ist es wie ein tägliches Gebet, es hat es teilweise ersetzt.“

Jüngers Werke liefern die Einlassung mit dem Nächsten und dem Fernsten, mit Haus und Garten, Feld und Wald, mit Großstädten und fremden Weltgegenden, mit dem Glück der subtilen Jagd und mit den Verwüstungen der als unvermeidbar erkannten Technik, mit Freund und Feind, mit Leben und Tod. Jünger ist wie kein anderer Schriftsteller zum Repräsentanten seines Jahrhunderts geworden.

Die Strecke von 3,5 km hatten wir bei schönem Herbstwetter in einer Stunde Wanderzeit geschafft. Zur gemütlichen Einkehr gingen wir in die örtliche Gastwirtschaft „Zum Löwen“. Dort wurden wir schnell und vorzüglich bewirtet.

Erwachsene:​ 10​​
Kilometeranzahl: ​3,5​
Wanderzeit: ​1 Stunde
Wanderführer:​ Bruno Albinger und Fritz Natterer